Autoren und Geschichte
Es ist allgemein bekannt, daß "On the Town" auf dem Ballett "Fancy Free" basiert. Aber abgesehen vom Komponisten Leonard Bernstein, dem Choreographen Jerome Robbins und dem Bühnenbildner Oliver Smith haben die beiden Werke lediglich noch das Jahr ihrer Premiere (1944) und die Grundvoraussetzungen der Handlung gemeinsam: drei Matrosen auf Landurlaub auf der Suche nach einem romantischen Abenteuer in der "Big City". Smith hatte erkannt, daß die dramaturgischen Möglichkeiten für eine Gruppe temperamentvoller Männer, die am Vorabend des Tages, an dem man sie in den Krieg schicken wird, Zerstreuung suchen, keineswegs ausgereizt waren. Und Bernstein war es dann schließlich, der sich mit seinen Freunden Betty Comden und Adolph Green zusammensetzte, die dann das Drehbuch und die Liedtexte für das neue Stück schrieben. Alle drei waren noch jung, was ein Grund dafür sein mag, daß "On the Town" als ein besonders "junges" Stück Berühmtheit erlangte. Denn es ist zugleich energisch, unschuldig und voller Hoffnung.
Jeder der drei brachte seine gesammelte künstlerische Leistungsfähigkeit in das Vorhaben mit ein. Das ging sogar so weit, daß Comden und Green - anstatt sich "nur" mit ihrer Rolle als Koautoren zufriedenzugeben - bei der Produktion der Show zwei der Hauptrollen selbst übernahmen.
"On the Town" zeichnet sich besonders durch seine Fähigkeit aus, mühelos klanglich ansprechende Lieder mit dicht strukturierter Ballettmusik zu einem hohen Grad an Ästhetik zusammenzuführen und das Absurde mit dem Leidenschaftlichen zu verbinden. Es ist zugleich genial und gewagt. Aber es ist auch weise, versöhnlich und auf eine gewisse Art übersinnlich. Einerseits macht es sich lustig über die "Paarungsrituale" sexhungriger Matrosen, zeigt dann aber auch wieder Verständnis für Gabey und seine gewaltige Sehnsucht nach einer Frau, die im wesentlichen die Erfindung einer Werbekampagne ist. In einem Moment liefert es uns Eindrücke eines verzauberten New York in all seiner Rauhheit, seinen unterschiedlichen Farben und seiner Geschwindigkeit.
Gabey und seine Freunde bändeln mit Frauen an, die sie wahrscheinlich nicht wiedersehen werden. Darin liegt - bei aller dargebotenen Komik - die Melancholie der Geschichte. "Wenn Du verliebt bist, dann ist Zeit sehr kostbar", heißt es im Text von "Ein anderes Mal", desjenigen Songs, der den Höhepunkt dieses Musicals mitgestaltet. Und in der darauffolgenden Zeile heißt es weiter: "Selbst ein Leben ist nicht genug."
"On the Town" lief dreizehneinhalb Monate, was an und für sich keine schlechte Laufzeit ist. Aber danach verschwand es, seltsamerweise, mehr und mehr aus dem Wiederaufnahmerepertoire, wenngleich seine Reputation als Klassiker unangefochten blieb. Ein Hauptgrund hierfür war wohl das Fehlen einer Aufzeichnung mit der Originalbesetzung, jener Sache, die für ein Musical als eine Art Empfehlungsschreiben fungiert. Und dann war da noch "Fancy Free", das die Leute verwirrte, da sie es für eine Miniaturausgabe von "On the Town" hielten. Warum ein Musical wiederbeleben, dessen Ballettversion immer noch lief?
Die größte Erfindung bei "On the Town" - noch größer als Bernsteins viele Variationen des "Hier kommt Gabey"-Themas - ist sein messerscharfer Realismus. Da ist ein Krieg im Gange, die Matrosen werden ins Krisengebiet geschickt, wir winken ihnen zum Abschied zu... und was dann? Werden sich die drei Paare jemals wiedersehen? "So laßt uns froh sein über das, was wir hatten und das, was noch kommen mag." Sicherlich kann man verstehen, warum Bernstein diese wehmütige Zeile in seinen Prolog zu "Ein anderes Mal" hineinschrieb. Wir können hoffen, wie wir es so oft am Schluß eines Bernstein-Musicals können: hoffen auf ein Ende des Rassismus in "West Side Story" oder auf einen erneuerten Sinn des amerikanischen Präsidenten für Integrität in "1600 Pennsylvania Avenue".
Bernsteins Glaube, daß das Leben vervollkommnungsfähig ist - daß wir unsere Träume verwirklichen können -, dieser Glaube ist es, der "On the Town" erfüllt. Oder, wie Bernstein selbst es formulierte: "Der Stoff für die Handlung ist leicht, die Vorführung selbst jedoch ernst."
Auszüge aus einem Text von Ethan Mordden (Übersetzung aus dem Englischen: Jan Herzog)
(alle Texte sind dem Original-Programmheft unserer Produktion von 1997 entnommen und wurden nur leicht modifiziert)
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